Im Winter sind die Wälder unbelaubt und die meisten Vogelarten befinden sich in ihren Überwinterungsquartieren im warmen Süden. Mit der nun freien Sicht in die Wipfel der Baumkronen begehen sich unsere Ornithologen auf die Horstsuche (Horstkartierung). Bei der sogenannten Horstsuche werden hauptsächlich Nester von Groß- und Greifvögeln wie Schwarzstorch, Rotmilan oder Schwarzmilan gesucht, da diese im Zusammenhang mit Windkraftplanungen eine besondere Bedeutung zukommt.

Horste stellen ein wichtiges Element innerhalb der Fortpflanzungsstätte dar. Die meist aus Reisigzweigen aufgeschichteten Bauten, bieten nach der Paarung Platz für die Eiablage, sowie einen warmen und vor Fressfeinden geschützten Behausung des Nachwuchses. Viele der Greifvögel sind sehr ortstreu, was Bedeutet, dass ein Horst auch mehrere Jahre in Folge genutzt werden kann. Dabei werden immer wieder kleinere Ausbesserungsarbeiten vorgenommen, in dem der Vogel neues Nistmaterial einbringt. Nicht selten erlagen die Horste dadurch stattliche Größe, wie es oft für den Schwarzstorch der Fall ist. Neben der Aufzucht der Brut dient der Standort auch als Ruh- und Schlafstätte sowie Aufbewahrungsort von Beutestücken. Im Lebenszyklus ist der Horst somit ein essenzieller Bestandteil, der die Reproduktion und folglich auch den Fortbestand einer Art sichert.

Die ersten Horste werden bereits im Frühjahr bezogen, wenn die meisten Bäume wieder belaubt sind. Ein Auffinden der gut in den Baumkronen versteckten Nistplätze ist dann noch kaum möglich. So beginnt die Ersten Vorbereitung schon im November, mit der Ermittlung potenzieller Horststandorte in den Untersuchungsgebieten. Meist handelt es sich dabei um größere Waldbereiche, wobei auch kleinerer Baumgruppen oder Einzelbäume in der offenen Landschaft in Frage kommen. Je nach Art gibt es Präferenzen an die jeweiligen Fortpflanzungsstätte, deren Kenntnisse ein Auffinden wesentlich erleichtern können. So konnte für den Rotmilan festgestellt werden, dass dessen Brutplätze meist nicht weiter als 200m von der Waldgrenze entfernt errichtet werden.

Die eingegrenzten Gebiete werden anschließend innerhalb eines Radius von 3 km systematische durchlaufen und visuell abgescannt. Ist ein Horst gefunden, wird dieser ausführlich dokumentiert. Zur genauen Lokalisierung wird der Horst mittels GPS-Gerät verortete. Anschließend erfolgt eine Beschreibung der wichtigsten Merkmale zum Horstbaum wie Baumart, Durchmesser, Lage des Horstes am Baum sowie die potenzielle Art, die den Horst beziehen könnte. Die Dokumentation wird mit zwei Belegfoto beendet. Ist die Suche nach den Horsten abgeschlossen, werden alle erhobenen Daten digitalisiert und kartografisch dargestellt.

Nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) ist nicht nur das einzelne Individuum der jeweiligen Vogelart geschützt, sondern auch dessen Fortpflanzungsstätte. Zum Schutz und zur Sicherung der Fortpflanzungsstätte müssen daher alle Horste im Eingriffsbereich der jeweiligen Planung bekannt sein. Der Brutplatz wird darüber hinaus immer im Kontext mit dem jeweiligen Individuum gezogen. Somit stellt die Horstsuche (Horstkartierung) zudem die Grundlage für Folgeuntersuchungen wie die Brutvogelkartierung und die Raumnutzungsanalyse. Auf dieser Basis wird anschließend eine faunistische Beurteilung über das Konfliktpotenzials des Greifvogels und sein Brutstandort am jeweiligen Vorhabenstandort getroffen.